Erfahrungsberichte

Das war alles sehr interessant. Doch ich war immer noch nicht wirklich für die Arbeit motiviert ? trotz der beeindruckenden Kurskosten (die manche Leute damit begründeten, dass sie dem Aufwand für ein Jahr Therapie entsprechen, aber persönliche Veränderung im Gegenwert von drei Jahren Arbeit bringen würden). Ich hatte so viele Seminare besucht, dass ich glaubte, ich hätte schon alles gesehen: Überlebenstraining, Landmark Education, Geldsemianre, Sexseminare, Fasten, Mantrasingen, Schweigen, Schamanische Seelenreisen, Seelenchirurgie ohne Zunähen ? da gibt es keine Ecke in mir, die nicht zerlegt, analysiert, beweint und ein bisschen verbessert zurück in den Alltag geschickt worden wäre. All diese Erfahrungen waren von grossem bis sehr grossem Wert. Doch nach fünfzehn Jahren Selbsterfahrung hatte ich nicht nur eine neue Bluse, sondern ein komplett neues Kostüm bekommen.
Ich kam spät an, konnte das Haus nicht finden und landete in jemandes Küche, nur um festzustellen, dass ich genau am richtigen Ort war. In meinem warmen, sauberen und hübschen Zimmer traf ich eine weinende Zimmergenossin an, weshalb ich mich beeilte, mich den anderen zwanzig aufgewühlten Seelen anzuschliessen, die auf bequem anmutenden Sofas Vereinbarungen unterzeichneten, die Arbeit nur für private Zwecke zu nutzen. Ich nahm die Gruppe in Augenschein. Eine piekfeine Dame in Designerklamotten, ein langhaariger, höchst attraktiver Archäologe von der Sorte ?scher dich zum Teufel?, einige Mütter, ein paar Geschäftsleute. Schnell hatte ich herausgefunden, wer Freunde von mir werden könnten und wen ich meiden würde. 
Wir versammelten uns in einem grossen, hellen Raum und bekamen Arbeitsunterlagen. Vier Begleiter, auch Lehrer und Lehrerinnen genannt, waren anwesend: ein gross gewachsener, weiser und einfühlsamer Amerikaner, ein jungenhafter Engländer, eine hauptberufliche Therapeutin aus Australien und ein älterer Herr, der uns ziemlich schamlos wissen liess, er sei ein Alkoholiker auf dem Weg der Gesundung. Ich entschloss mich, ihn zu ignorieren. Ich bekam die Australierin als persönliche Begleiterin zugeteilt. Sie schickte mich auspacken und nahm sich später Zeit für ein Einzelgespräch.
Ich wartete 25 Minuten in der Kälte, um sicherzustellen, dass ich zu diesem Einzeltermin nicht zu spät kommen würde. Ich dachte, man würde mich für das, was ich tat und sagte, ohne weiteres als etwas Besonderes erkennen. Die Begleiterin stellte mir Fragen zu den vielen Seiten umfassenden Vorarbeiten, die ich bezüglich meiner Eltern gemacht hatte, über meine Erfahrung mit meinem Zwillingsdasein als Kind und wie meine Kindheit ansonsten gewesen war. Sie machte Notizen wie ?unverstanden? oder ?bedürftig? und fragte, ob dies zutreffende Bezeichnungen seien. ?Unverstanden? klang irgendwie toll und so ein bisschen nach James Dean. ?Bedürftig?, so teilte ich mit, fände ich ekelhaft, ich könnte es bei mir und anderen nicht ausstehen. Also schrieb sie ?bedürftig? in grossen Buchstaben auf eine Karteikarte und sagte mir, dieses Muster stünde mir im Weg, wenn ich wirklich ich selbst sein wollte. Wenigstens hatte sie nicht ?eingeigelt? hingeschrieben. Die Morgendämmerung am Samstag war die erste, die ich seit langer Zeit gesehen hatte. 7.30 Frühstück, erste Aufgaben zum Tag, die um 7.45 gegeben werden. Und Sitzungen ? ein Stundenplan bis um 11.00 abends. Was würden sie uns nur in all der Zeit zu tun geben?