Warum wir ticken, wie wir ticken

Wir alle erleben in unserer frühen Entwicklung Prägungen, die unser Verhalten im Erwachsenenleben bestimmen. Oft als »Muster« bezeichnet, sind sie häufig einschränkend oder gar schmerzhaft. Sie wirken im Verborgenen in unser Leben und können uns in Depressionen, psychische und spirituelle Krisen, oder immer wieder in die gleichen Situationen in der Partnerschaft oder im Beruf führen. Solche Muster zu erkennen und zu benennen, führt oft zu Entfaltung und Heilung.

Wir alle erleben in unserer frühen Entwicklung Prägungen, die unser Verhalten im Erwachsenenleben bestimmen. Oft als »Muster« bezeichnet, sind sie häufig einschränkend oder gar schmerzhaft. Sie wirken im Verborgenen in unser Leben und können uns in Depressionen, psychische und spirituelle Krisen, oder immer wieder in die gleichen Situationen in der Partnerschaft oder im Beruf führen. Solche Muster zu erkennen und zu benennen, führt oft zu Entfaltung und Heilung.

Mit »Muster« sind im Folgenden Verhaltensweisen gemeint, die uns in unserer Fähigkeit zu leben und zu lieben einschränken oder daran hindern. In der Definition des Hoffman Prozesses, der Arbeit, die ich seit mehr als 25 Jahren begleite, sind Muster:

  • zwanghaft

  • automatisch

  • emotionsgeladen

  • gelernt

Ob sich Menschen nun angepasst oder unangepasst, liebevoll oder aggressiv, aufmüpfig oder unterwürfig, missbräuchlich oder besonders heiligmässig verhalten – sie werden zumeist von sich behaupten: Ich bin einfach so! Und: Ich kann nicht anders! Kaum einer mag oder kann sich fragen, warum er tut, was er angeblich will, oder warum er tun muss, was er angeblich nicht will.

Doch genau darum geht es, wenn wir lernen wollen, Muster zu erkennen und zu benennen. An den oben genannten Kriterien erläutert, befinde ich mich ganz sicher im Ablauf eines Musters, wenn ich diesem Verhalten beziehungsweise Gefühl wie ausgeliefert bin (zwanghaft); auch, wenn ich den Ablauf nicht stoppen kann, bis er am möglicherweise unseligen Ende ist (automatisch); und schliesslich wenn die entsprechende Reaktion von einer deutlich spürbaren emotionalen Energie getragen ist (emotionsgeladen).

Als Kinder haben wir keine Wahl

Was heisst in diesem Zusammenhang gelernt? Wann und von wem? Zum Verständnis dieses Punktes ist es nötig, dass ebenfalls dem Hoffman Prozess zu Grunde liegende Konzept der »negativen Liebe« zu erläutern. »Negative Liebe« ist ein geschützter Fachbegriff. Eingeführt wurde dieses Konzept vor mehr als vier Jahrzehnten vom Begründer dieser Methode, Bob Hoffman.

Als Kinder wissen wir nicht, wer wir sind. Wir sind einfach, spontan und lebendig – ein spielerischer Ausdruck unserer selbst. Die Art, in der unsere Eltern uns begegnen und auf uns reagieren, prägt das Selbstbild, in das wir hineinwachsen. Sie sind die Spiegel, in denen wir erkennen, wer wir für Sie sein sollen – nicht aber, wer wir wirklich sind! Kinder haben keine Wahl!
Das bedeutet, dass Eigenschaften, Gefühlsreaktionen und Verhaltensweisen nicht vererbt, sondern erlernt werden. Wenn zum Beispiel die Mutter ängstlich ist, entwickelt auch das Kind einen Teil dieser Angst. Kann der Vater seine Gefühle nicht zeigen, lernt auch das Kind, seine Gefühle zu verbergen. Werden wir von unseren Eltern häufig kritisiert, so lernen wir, uns später durch ihre Augen zu sehen: Wir stellen uns selbst infrage und werten uns ab.

Dies ist der Grund, warum wir als Kinder die Eigenschaften unserer Eltern imitieren und schliesslich übernehmen: Wir brauchen ihr Wohlwollen und ihre Zustimmung, damit wir uns sicher fühlen können. Wir haben das Bedürfnis und die Not, zu ihrer Welt zu gehören und von ihnen geliebt zu werden. Auf eine existenzielle Weise sind Kinder zutiefst an ihre Eltern gebunden, denn sie brauchen sie, um überleben zu können. Ihre seelische Gesundheit und Lebensfähigkeit hängt davon ab, ob sie ihren Schutz, ihre Zuwendung und Geborgenheit bekommen, und das heisst:

Ob sie sich von ihnen geliebt fühlen. Auf den einfachsten Nenner gebracht, funktioniert negative Liebe so: »Mami, Papi, jetzt bin ich genau wie du – siehst du mich, liebst du mich nun endlich?« Natürlich gibt es Verhaltensweisen unserer Eltern, unter denen wir so gelitten haben, dass wir uns geschworen haben: So werde ich nie! Dann leben wir zwanghaft, automatisch, emotionsgeladen und in der Negativkopie gelernt das Gegenteil, was der Hoffman Prozess »Rebellion« nennt. In beidem – im übernommenen Muster und in dem in der Rebellion kreierten Gegenteil – sind wir nicht frei!

Extreme Beispiele der Folgen von negativer Liebe finden sich in der Arbeit mit Menschen immer wieder in Fällen von sexuellem Missbrauch. Gemeint ist damit sexueller Missbrauch, der in der Regel schon in der frühen Kindheit begonnen hat.

Ein drastisches Fallbeispiel

S. sitzt vor mir. Sie ist das Kind eines kurdischen Vaters aus dem Nordirak und einer deutschen Mutter. Sie ist eine schöne junge Frau im Alter von 20 Jahren, mit wunderschönen dunklen Augen – und ebenso dunklen Augenringen: ein klassisches, körperlich-optisches Merkmal eines frühkindlichen und fortdauernden sexuellen Missbrauchs. Sie kommt zu uns in die Arbeit, weil sie an den verschiedensten Stationen ihres jungen Lebens immer wieder gescheitert ist.

Es begann schon damit, dass sie in dem Dorf, wo sie mit ihrer Mutter in Deutschland lebte, die normale Volksschule abbrechen musste. Sie durfte daraufhin eine Waldorfschule besuchen. Dort versuchten die pädagogisch besonders geschulten Lehrkräfte, ihrem gestörten Aufmerksamkeitsverhalten und ihren Konzentrationsschwächen mit den dort gegebenen pädagogischen Möglichkeiten nach dem anthroposophischen Konzept von Rudolf Steiner zu begegnen.

Es half nichts. Immer wieder fehlte sie in der Schule, und ihre Leistungen waren selbst für den dortigen Rahmen nicht ausreichend. Ausserdem litt sie unter immer wiederkehrenden psychogenen Ohnmachtsanfällen – das sind solche, die keine körperliche Ursache haben, wie medizinisch abgeklärt wurde. Sie fiel bei erhöhtem Leistungsdruck einfach in Ohnmacht, und niemand wusste warum. Zudem klagte sie darüber, dass sie sich als junge Frau in ihren sexuellen Empfindungen überhaupt nicht spüren konnte. Selbstbefriedigung war ihr unbekannt. Sie hatte auch noch nie eine sexuelle Begegnung mit einem Mann gehabt.

Und darüber hinaus auch in keiner Form das Bedürfnis, sich selbst zu berühren.

Schliesslich musste sie auch diese Schule verlassen, nachdem sie trotz Wiederholungen zweier Klassen nicht reüssiert hatte. In einer angefangenen Lehre hatte sie mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen. Zu Hause war ihr Zimmer ein einziges Chaos. Ihre Mutter war verzweifelt und der Stiefvater, der sich fürsorglich seit 15 Jahren um sie und ihre ältere Schwester kümmerte, hatte aufgegeben.

Schritte zur Aufarbeitung

In der Arbeit mit ihr stellt sich Folgendes heraus: Als sie fünf Jahre alt war, hat sich ihre Mutter von ihrem kurdischen Vater getrennt, weil er sie immer wieder mit Prostituierten betrogen hatte. Dieser war daraufhin in den Nordirak zurückgekehrt. Die Mutter bemühte sich jedoch, die Beziehung von Tochter und Vater aufrecht zu erhalten. Für diesen Zweck finanzierte sie immer wieder Ferienreisen zum Vater und seiner dortigen Familie. S. hatte stets grosse Sehnsucht nach ihrem Vater und war eine typische Papa-Tochter.

In dem emotionalen Lebenslauf, den S. im Vorfeld unserer Arbeit mit ihr verfasst, berichtet sie zum ersten Mal über die Dinge, die seit ihrem sechsten Lebensjahr bei diesen Ferienaufenthalten geschehen sind – bis zu ihrem dreizehnten. Dann hörte sie auf, ihren Vater zu besuchen. Hier in Details zu gehen, würde bedeuten, abzugleiten. Nur so viel sei hier gesagt: In meiner Erfahrung mit jungen und älteren Erwachsenen, die einen frühkindlichen sexuellen Missbrauch erlebt haben (das sind rund 30 Prozent der TeilnehmerInnen in unserer Arbeit) hat sich folgendes gezeigt: Mit Kindern findet in der Regel kein Geschlechtsverkehr statt. Die beteiligten Erwachsenen befriedigen sich selbst, indem sie Kinder (und selbst Babys auf dem Wickeltisch) berühren und auch sich selbst.

Was hier auf der seelischen Ebene zwischen Kind und Elternteil geschieht, ist eine verheerende Spaltung zwischen Liebe und Sexualität. Was weiterhin geschieht, ist die Übernahme des Musters »Missbrauch«.

Dazu muss man wissen, dass Muster auf verschiedene Art gelebt werden können: Entweder ich richte es gegen mich selbst oder ich richte es gegen andere, oder ich ziehe in meinem Leben andere an, die es gegen mich richten.

S. hat es besonders gegen sich selbst gerichtet. In selbstzerstörerischer Weise hat sie sich im Leben unter Druck gesetzt und überfordert bis zum regelmässigen Scheitern. Zudem hat sie die Verantwortung für das Geschehe selbst übernommen. Ihr Vater hatte ihr immer wieder gedroht, sie und ihre Mutter umzubringen, wenn sie auch nur einen Ton sagen würde. So behielt sie bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr alles für sich und entwickelte darin einen tiefen Selbsthass.

Die damit verbundenen Gefühle und Verhaltensweisen – Muster und ihre Folgen in ihrem jungen Leben – zu erkennen und zu benennen, war der erste Schritt zur Heilung. Ein weiterer Schritt war die Arbeit im Hoffman Prozess. Dort darf das Kind in der ersten Tranche der Arbeit alles tun, was es damals nicht tun konnte: Die gesamte Wut über diesen unsäglichen Vertrauensbruch zwischen Vater und Tochter ausleben und ihn darin sogar emotional umbringen. In der zweiten Tranche dieser Arbeit gelingt es S., tief zu verstehen, warum alles so kommen musste. Sie erlebt ihren Vater als Kind, wie er selbst sexuell missbraucht wurde und die Spaltung zwischen Liebe und Sexualität in ihm weiter gewirkt hat bis ins Bordell und bis in die Trennung von ihrer Mutter, die er notabene »liebte« und immer noch zu lieben glaubt. Und schliesslich gelingt es S., mit diesem Vater innerlich Frieden zu machen.

Das ist in einer solchen Heilung zweifelsfrei der schwierigste Schritt. Deshalb wird er auch in vielen Formen der Begleitung solcher Missbrauchsopfer nicht gemacht. Das Wort sagt es schon: Wenn wir Menschen, die solches erlebt haben, im Opfer belassen und in der Abgrenzung gegen den Täter fixieren, dann müssen sie Opfer bleiben und werden als Erwachsene wieder dazu. Im Familienstellen, das ebenfalls Teil unserer Arbeit ist, gibt es in der Würdigung des betroffenen Elternteils einen einzigen Satz, der wirklich heilsam ist: »Es ist aus Liebe geschehen!« Aus Liebe in diesem verrückten Sinne: aus negativer Liebe. Kinder haben keine Wahl!

Übung zur Befreiung

Für diese Übung braucht es einen ruhigen Ort, am besten im eigenen Zuhause. Wer sich in einem Muster – hier in einer Gefühlsreaktion – befindet, die er oder sie gerne stoppen möchte, kann folgendes tun: Ich mache mir das Muster bewusst (z.B. – ich fühle mich wegen einer erlittenen Kränkung gerade sehr rachsüchtig und würde den Betreffenden oder die Betreffende am liebsten...). Ich vergegenwärtige mir das innere Bild meiner Mutter und/oder meines Vaters zu Beginn meiner Pubertät. Wer von ihnen – oder beide – war(en) so rachsüchtig? Ich stelle mir diesen Elternteil (oder beide) in einem liebevollen Moment vor, den ich mit ihm und/oder ihr als Kind erlebt habe. Ich verneige mich vor ihm und/oder ihr.  Das heisst konkret:

Ich knicke in der Hüfte nach vorne komplett ab und lasse Kopf und Arme dabei absolut locker hängen. Allein diese Haltung ist eine energetische Übung mit Wirkung. In dieser Haltung sage ich leise oder laut: »Es tut mir leid, dass ich mir mit deinem Muster schade – und ich lasse es bei dir, es ist dein Muster! Und ich bin frei und du bist frei!«