Der Mensch im Hoffman Prozess

Der Hoffman Quadrinity Prozess ist ... ein mächtiges Werkzeug zur Entfaltung der Liebe für sich und andere.” (Ein Bericht aus der Zeitschrift Esotera von W.M. Harlacher)

Das behauptet niemand Geringerer als der in den USA lebende chilenische Psychiater Claudio Naranjo, Mitautor des als Fischertaschenbuch erschienenen Standardwerkes über “Die Psychologie der Meditation” und jahrelang Schlüsselfigur am kalifornischen Esalen-Institut, dem Mekka der “Transpersonalen Psychologie”.

Neugierig machten mich jedoch nicht nur diese starken Worte des sonst eher zurückhaltenden Gelehrten, sondern auch eine ganze Reihe weiterer Aussagen bekannter Vertreter der transpersonalen Bewegung sowie persönliche Wandlungsprozesse, die ich im Freundes- und Bekanntenkreis bei Menschen beobachten konnte, die “den Prozess gemacht” hatten.

Hinzu kam auf persönlicher Ebene, dass ich nach der Aufteilung meiner Tätigkeit in zwei unterschiedliche Arbeitsbereiche mit der Organisation beider Jobs an die Grenzen meiner physischen und psychischen Leistungsfähigkeit geraten war. Scheinbar konnte ich meine eigenen Planziele nur auf Kosten meiner Gesundheit erfüllen - ein, wie sich bei der Arbeit im Quadrinity Prozess herausstellen sollte, vollkommen überflüssiges, auf frühen Prägungen beruhendes “negatives Muster”.  

Und so fuhr ich kurz vor Weihnachten in einen kleinen Ort am Bodensee mit dem beziehungsreichen Schweizer Namen “Wienacht”, um dort ungeahnte Höhen und Tiefen in neuen Territorien meiner Seele zu erleben. Dabei handelt es sich keineswegs um irgendwelche weltfernen Dimensionen, sondern um die dunkelsten und hellsten Erlebnis- und Seinsbereiche der eigenen Persönlichkeit, durch die jeder Teilnehmer in seinem ganz individuellen Prozess geführt wird. Berg- und Talführer in Wienacht waren vier Therapeuten aus der BRD, Österreich und der Schweiz, genauer eine Frau und drei Männer. Laufen, allerdings mussten die zwölf TeilnehmerInnen selbst.

Denn jeder arbeitet mit dem, was er (oder sie) geworden ist und mitbringt. Zauberei findet nicht statt, wenngleich durchaus Wunder geschehen, zumindest gemessen an dem, was mir persönlich nach 36 Lebensjahren, einer Ausbildung als Diplompsychologe, acht Jahren redaktioneller Tätigkeit bei dieser Zeitschrift und transpersonalen Selbsterfahrungsprozessen verschiedener Art bis “Wienacht” als möglich erschien.

Zur Kartographie der oben erwähnten Persönlichkeitsbereiche liefert Robert Hoffman, der amerikanische Begründer des Hoffman Prozesses, das Modell der Quadrinität (Vierheit) - weshalb der Prozess auch Hoffman Quadrinity Prozess genannt wird. Sie besteht aus dem Körper, dem Gefühl (emotionales Selbst), dem Intellekt (intellektuelles Selbst) und dem spirituellen Selbst. Das emotionale Selbst beherbergt die Gefühlsmuster des Menschen. Da sie nicht nur nach Auffassung Hoffman's den als unausweichlich erlebten Prägungen unserer frühen Kindheit entstammen und auch beim sogenannten erwachsenen Menschen ihrem Wesen nach diesem Stadium der Unreife entsprechen, wird dieser Teil der Persönlichkeit auch als “emotionales Kind” bezeichnet.

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein ungezogenes, “verzogenes”, das heisst vor allem um beständige elterliche Liebe betrogenes Kind; es bringt uns in Schwierigkeiten, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Für die mangelnde Reife dieses Kindes muss der Intellekt in der Beziehung nach innen und aussen ausgleichende Funktionen übernehmen, damit das Ganze, der Mensch, überhaupt lebensfähig ist. Das führt beim intellektuellen Selbst zu verständlichen Missbildungen. Wo “das Kind” von Gefühlen wie Schuld, Angst, Wut, Rachsucht und ähnlichem geleitet wird, greift “der Intellekt” scheinbar ordnend, tatsächlich aber nur abwiegelnd (Fachsprache: “rationalisierend”) ein. Die zugrundeliegenden emotionalen Motive sind “kindisch”, wohingegen die lebensfrohe “kindliche” Spontaneität durchaus eine wünschenswerte Eigenschaft des erwachsenen emotionalen Selbst ist.

Das ungezogene Kind und der missgebildete Intellekt formen eine unheilige Allianz, die Hoffman die “negativ programmierte” oder einfach die “negative Dualität” nennt. Unbeschadet, wenngleich nicht unverdeckt davon bleibt das spirituelle Selbst, unser vollkommenes Wesen, das der spirituellen Lebenskraft und -quelle oder dem Göttlichen entspringt.

Selbstverantwortung

Als ich mein spirituelles Selbst zum ersten Mals sehe, bin ich verblüfft: Es trägt unverkennbar mein, wenn auch etwas veredeltes Gesicht. Und es begegnet mir, wenn mich nicht alles täuscht, keineswegs als überhöhte Vertretung meines Egos, sondern als strahlende Erinnerung an meine eigentliche Herkunft und Zukunft: Selbst-Verantwortung fordernd und Demut fördernd. Sein Glanz wird allerdings von den zum Teil schon im Mutterleib entstehenden negativen Prägungen (den neurotischen Strukturen) wie ein “wunderschöner Diamant von einem schwarzen Tuch verhüllt” (Bob Hoffman).  

Ziel und Aufgabe des Hoffman Prozesses ist es, nach einer Reinigung der negativen Dualität – der Heilung und Reifung von emotionalem und intellektuellem Selbst –, zunächst die Trinität erlebbar zu machen, also das harmonische und gesunde Zusammenwirken der Dreiheit von Gefühlsebene, intellektuellen Fähigkeiten und spirituellem Wesen des Menschen. In einem letzten Schritt werden diese drei zusammen mit dem Körper zu unserer Ganzheit, einer erwachsenen und selbstverantwortlichen Quadrinität verbunden. Entscheidend in diesem Prozess ist, dass er innerhalb von nur acht Tagen in äusserster Abgeschiedenheit stattfindet, die TeilnehmerInnen keinen Augenblick aus der intensiven Beschäftigung mit sich selbst (oder ihren “Selbsten”) entlässt und alle Erfahrungsebenen – vom Körper über das Gefühl, den Intellekt bis zur transpersonalen – durcharbeitet. Überdies mündet er in eine von Therapeuten und Prozess unabhängige Form von Selbstverantwortlichkeit (eine echte Gefahr für den Psychoboom !) – wie, wird noch deutlich werden.

Über den Ablauf selbst zu berichten, ist die schwierigste journalistische Aufgabe, die mir je begegnet ist. Denn ein Grossteil dessen, was dort passiert, lebt in seiner Tiefenwirksamkeit aus der Unmittelbarkeit der Erfahrung. Meine eigenen Erlebnisse kann ich im Detail also nur insoweit schildern, als sie Menschen, die selbst dieses psychologisch-spirituelle Vollbad nehmen wollen, nichts vorwegnehmen.

Andererseits ist es für das Verständnis des - wie ich es erlebt habe - kaum Vorstellbaren nicht sehr hilfreich, den Methodenkatalog herunterzubeten, der da Verwendung findet: Verhaltenstherapie, Psychodrama, Gestalt, Trancetechniken, aktive Imagination... Denn selbst für den Fachmann, der solche Techniken innerhalb der zugehörigen therapeutischen Systeme praktiziert, muss ohne eine direkte Erfahrung unbegreiflich bleiben, dass der Quadrinity-Prozess eine vollkommen eigenständige Ganzheit bildet und in unglaublich kurzer Zeit umfassend wirkt. Das tat er jedenfalls bei mir – und bei den elf anderen “Wienachts”-Männern und -Frauen – die sich zum “Stelldichum” am Bodensee trafen.

Das soll nicht heissen, dass jeder dasselbe erlebt. Wo der eine am entsprechenden Meilenstein seines Lebensweges vielleicht erst einmal die Seinserfahrung “Ich bin ganz und ich bin ich” macht, erfährt sich der andere womöglich in einem Erleuchtungserlebnis als Teil des Göttlichen. Schichtenspezifische “Vorbehalte” kennt der Hoffman Prozess ebensowenig wie emotionale oder intellektuelle Bedingungen “ohne die nicht”. Neben mir sitzen ein therapeutisch ausgebildeter Psychiater, eine Strassenbahnschaffnerin, ein Naturwissenschaftler... und jedem gelingt es auf seine eigene Weise, im Kontakt mit den Innenwelten durch den Prozess hindurchzufinden. Jede(r) wird dort abgeholt, wo sie oder er steht und entfaltet sich zur Ganzheit mit unterschiedlichen Akzenten innerhalb der schon beschriebenen Persönlichkeitsbereiche, die uns allen zu eigen sind.

Negative Liebe

Das beginnt mit einem Frontalangriff auf das “negative Liebessyndrom”. Dieses Syndrom – ein vielfältiges Zusammenwirken leidvoller und unreifer Gefühls- und Verhaltensmuster – bildet das schwarze Tuch, das den reinen Diamanten des spirituellen Selbst verhüllt. Es entsteht durch “negative Liebe”, wie Hoffman die zugrundeliegende psychologische Struktur nennt, die er als “Verbrechen gegen die eigene Menschlichkeit” brandmarkt.

Im Klartext: Da wir alle (Ausnahmen bestätigen die Regel) unter den gegebenen kulturellen Bedingungen von Mama und Papa keine uneingeschränkte Liebe bekommen haben, haben wir bestimmte negative Muster entwickelt, um uns – selbst nach dem Motto: lieber Schläge als gar keine Zuwendung – Aufmerksamkeit zu sichern, als wir sie so dringend brauchten wie die tägliche Nahrung; ganz früh in unserem Leben.

Wir haben, um geliebt zu werden, negatives Verhalten unserer Eltern entweder übernommen (“Ich bin genau wie du, liebst du mich jetzt?”) oder dagegen rebelliert oder beides zusammen. Unausweichliche Konflikte sind die Folge. Aus diesen drei Grundformen der Reaktion auf mangelnde Liebe entsteht ein Geflecht von negativen Mustern, von denen ich bei mir selbst in sieben Tagen an die zweihundert ausmachen konnte - und das sind sicherlich noch nicht alle! Und, so der Leiter des Teams am Bodensee, Jochen Windhausen: “Jedes Muster frisst ein Stückchen Leben!”

Der Catch 22, der unüberwindbare Trick bei diesem Spiel von ungezogenem Kind und missgebildetem Intellekt (der negativen Dualität) ist, – solange wir ihm ausgeliefert sind –, dass sogar das spirituelle Selbst nicht besser sein darf als der Meister der negativen Liebe. (Jeder von uns bringt es darin zu unterschiedlicher Meisterschaft, die je nach Ausprägung ein angepasstes Alltagsleben oder eine Ausgrenzung in Psychiatrie und Gefängnis mit sich bringt.) Deshalb hängt die negative Dualität dem strahlenden Selbst das schwarze Tuch um; und die Sicht auf's Licht bleibt (von einigen sich intensiver Übungen unterziehenden Auserwählten) im allgemeinen zeitlebens verstellt - es sei denn...

Die erste Phase im Prozess ist daher der Konfrontation mit eigenen, das heisst von den Eltern übernommenen Muster gewidmet. Es gibt keine Ausflüchte. Jedes “aber” fördert ein neues Muster zutage. Bin ich unpünktlich, folgt mit Sicherheit die Frage: “Wer war zu Hause unpünklich, Mutter oder Vater?” Die Spur führt weit zurück. Akzeptiere ich die Grundaussage des Hoffman'schen Systems (die es mit anderen spirituellen Weltsichten gemeinsam hat), dass wir einen freien Willen haben und Gestalter unseres Schicksals sind, muss ich sogar bei “Schicksalsschlägen” erkennen, wie ich durch das mir eigene und aus “gutem” Grund entstandene Muster der Selbstzerstörung geistig dazu beigetragen habe. Das gilt sogar für scheinbar zufällige Ereignisse wie in meinem Fall einen Frontalzusammenstoss mit einem Geisterfahrer. Einsichtiger noch ist das bei den Unfällen, die ich selbst verursacht habe...

Es gibt buchstäblich keinen Lebensbereich, der nicht von den elterlichen Vorbildern gerastert ist: Beziehungen, Sexualität, Berufsleben, Hobbys, Spiritualität... Selbst bei der Entscheidung für die mir heiligen und höchsten Dinge im Leben – beispielsweise, die vierzigtausend Jahre alten spirituellen Praktiken des Schamanismus als Orientierungshilfe auf meinem Weg zu wählen – haben mir die Auswirkungen des negativen Liebessyndroms einen Streich gespielt. Ich begreife plötzlich den Zusammenhang zwischen manchen Trance- und Ekstasetechniken dieser Systeme und meinem eigenen Hang zu vom emotionalen Kind provozierten Zügellosigkeiten, die das intellektuelle Selbst dann auch noch spirituell verbrämt! Mit Askese gelingt ihm das in anderen Fällen sicher genauso mühelos.

Vulkanische Reinigung

Das heisst wiederum nicht, dass ekstatische oder asketische spirituelle Wege nichts taugen! Oder dass jeder sein Leben nach dem Prozess grundlegend ändern müsste! Es bedeutet jedoch, dass wir uns für so gut wie nichts im Leben aus freiem Willen entscheiden, solange der Dämon der negativen Liebe nicht ausgetrieben ist! Und das tut der Quadrinity-Prozess in einem weiteren Schritt gründlich. Nach einer Anklage beider Elternteile, wie sie keiner von uns vorher wagen oder führen hätte können, kommt es unter Einsatz aller körperlichen und seelischen Kräfte am zweiten und dritten Tag zu einer Reinigung vulkanischen Ausmasses. In ihr verschwindet der in Negativität und Kränkung festgehaltene sado-masochistische Selbsthass. Ob sie vollständig gelungen ist oder nicht, wird für jede(n) individuell nachvollziehbar geprüft. Jede(r) arbeitet so lange weiter, bis das Unbewusste unmissverständlich zeigt, dass der entsprechende Prozessschritt vollzogen ist. Obwohl ich schweissüberströmt und völlig heiser bin, ist das Ergebnis nicht totale Erschöpfung, sondern ein Gefühl von bis dahin nicht erlebter innerer Freiheit.

Während dieser Phase des Durchgangs durch die seelischen Schattenreiche kommt jedoch auch die Verbindung zu den lichtvollen Dimensionen nicht zu kurz. Immer wieder wird mit ganz einfachen, spielerischen Techniken Kontakt zum spirituellen Selbst und zu so etwas wie einem inneren Helfer, dem spirituellen Führer oder der spirituellen Führerin, aufgenommen. Was, so einfach soll das sein? Ich kann es kaum glauben. Alle komplizierten Vorstellungen über langwierige, übungsintensive und steinige Pfade zu lichtvollen Erfahrungen brechen bei mir schon in den allerersten Tagen zusammen. “Christliches Weltbild oder kalifornischer Eintopf?” zweifelt mein in jahrelanger Beschäftigung mit spirituellen Wegen geschärfter, misstrauischer Intellekt. Nein, die Erfahrung ist ganz und gar wirklich, und der Widerschein des Lichts liegt auch auf den anderen Gesichtern. Am Ende des Prozesses erkenne ich vor meinem inneren Auge gar den Lichtring wieder, den ich zuletzt vor vielen Jahren während einer einjährigen harten Übungspraxis in einem Aschram erlebt hatte. Die reinigende Explosion der Anklage ist indes nur ein erster Schritt auf meinem Klettersteig zur Selbstbefreiung und Selbstgesundung. Denn sie schafft die Voraussetzungen, die Öffnung für das spätere Erlebnis einer kraftvollen Eigenständigkeit, mich – aus freiem Willen – mit meinen Eltern auszusöhnen. Folgerichtig führt der Weg zum Licht im Hoffman Prozess über die Verteidigung der Eltern, die der darauffolgenden Versöhnung und dem dabei entwickelten Mitgefühl und Verständnis vorausgehen muss. Hoffman nennt es die tiefe “Empfindung von Mitgefühl, Vergebung, Verständnis ohne Verurteilung und des Annehmens der Kinder, die unsere Eltern waren”.

Diese Verteidigung ist jedoch nicht möglich, ohne dass wir wirklich vor uns sehen und zutiefst nachfühlen, was unsere Eltern als kleine Kinder tatsächlich erlebt haben! Das Wenigste davon wissen wir aus ihren Erzählungen. Die Dinge, die ich und, wie ich später höre, auch die anderen bei diesem Prozess der Rückschau in die Kindheit unserer Eltern erfahren, sind das Ergebnis einer Form des intuitiven Schreibens, die sich in der Genauigkeit ihrer Aussagen aus einem sehr einfachen Sachverhalt erklärt: Da wir am Ende der Kette sind, auf die wir zurückschauen, in die wir mental und medial hineinhorchen, verfügen wir über alle wesentlichen Informationen, die wir brauchen. Am Ende dieses Prozessschrittes steht ein umfassendes Verständnis für die Kinder, die unsere Eltern einmal waren. Dieses Verständnis bildet die Basis für den letzten grundlegenden Schritt des Quadrinity-Prozesses: Die “negativen” Eltern unserer Kindheit mitfühlend loszulassen und uns mit unserer Herkunft zu versöhnen – seelische und spirituelle Voraussetzung für eine eigene Gegenwart und Zukunft.

Das System leistet, wie Langzeituntersuchungen zeigen, Hervorragendes, sowohl im Umgang mit schwierigen neurotischen Störungen als auch mit der ganz alltäglichen Selbstentfremdung des “psychologischen Otto Normalverbrauchers”.

Wirkliches Mitgefühl

In der Verteidigung der Eltern wird erlebbar, dass die Wahrheit einmal mehr zwei Seiten hat. Denn die zwanghafte Übernahme selbst positiver Muster kraft negativer Liebe macht diese durchaus guten Eigenschaften potentiell zum Fluch. Wer aus lauter Liebe zur Natur – sprich negativer Liebe zum bergsteigenden Vater – die Gipfel, Leistung beweisend, in Rekordzeit hochhetzt, kann die himmlische Erfahrung des Naturerlebnisses ganz oben nicht wirklich erleben. Ich liebe die Berge, aber den nächsten, so entsschliesse ich mich, besteige ich ganz und gar aus freiem Willen, um mir einen Gefallen zu tun - und danke meinem Vater, der mir die Berge gezeigt hat. Zugegeben – ich hatte eine schwierige (und rebellische!) Beziehung zu meinen Eltern. Als ich nun aber aus wirklichem Mitgefühl (nicht Mitleid!) mit Vater und Mutter haltlos schluchzend zum ersten Mal in meinem Leben ihr Leid beweinen kann und mit den Tränen jeder Rest von Ablehnung und Abhängigkeit fortgespült wird, geschieht das eigentliche Mysterium. Denn die Versöhnung ist zugleich eine mit mir selbst.

Mein emotionales Selbst, das erst ein hässlicher Zwerg ohne Gesicht war, trägt an diesem Tag die Züge von mir als Zwölfjährigem in glücklichen Tagen. Zaghaft, aber freundlich nähert es sich dem spirituellen Selbst, vor dem es zu Anfang des Prozesses Todesangst hatte – verständlich, es musste ja sterben, um wirklich zu leben. Mein intellektuelles Selbst, das meinem spirituellen Selbst gegenüber anfangs kalt und abweisend war, blickt offen und klar. Und die beiden einst recht bösartigen Vertreter der negativen Dualität schliessen einen Friedensvertrag, in dem sie geloben, dem Wohl des Ganzen zu dienen und den Körper nicht mehr als Schlachtfeld für ihren unheiligen Krieg zu benutzen. Ergebnis: der Verlust von Rückenschmerzen und Müdigkeit bei der Arbeit.  

Der Kelch der Liebe, auf dem eine dicke Schicht von Angst, Schmerz, Schuld, Wut und Rachsucht schwamm (ein Bild von Hoffman), darf überfliessen. Und ganz unerwartet geht mir auf: Natürlich geht es um meine Beziehung zu meinen Eltern, die mich auf diese Welt gebracht und das mögliche Mass der Öffnung der Pforten meiner Wahrnehmung bestimmt haben. Aber jetzt, da diese Pforten bis zum Anschlag aufgestossen sind, entfaltet sich ein nie zuvor gesehenes Kaleidoskop des Lebens vor meinem inneren Auge. Und so steht am Ende des Prozesses die schon erwähnte Vermählung von emotionalem, intellektuellem und spirituellem Selbst im Licht sowie die Vereinigung dieser Dreiheit mit dem Körper zur Quadrinität. Dabei ist das Kind zum erwachsenen emotionalen Selbst herangereift, welches die kindischen negativen Verhaltensweisen ablegen kann und sich weiter der kindlichen, kreativen und spielerischen erfreuen darf.

Die Dämonen sind ausgetrieben, doch die Arbeit geht weiter – und zwar selbstverantwortlich, ohne Therapeut! Dafür bekommen wir einen ganzen Kasten voller Werkzeug mit. Wann immer ein noch nicht erkanntes Muster auftaucht, können wir es ganz privat in einem Miniprozess bearbeiten. Und die erkannten lassen sich mit Hilfe des sogenannten “Recycling” in positive Verhaltensmuster verwandeln.

Es gibt keinen Weg zurück, und das ist gut so. Wer sich nach diesem Prozess auf der Suche nach Selbsterkenntnis weiter die Hacken abläuft, der wollte nie laufen lernen - meine ich. Hermann Hesse meinte sicherlich nicht den Hoffman Prozess, als er Pablo zu Steppenwolf sagen liess: “Licht? Du musst nur aus deinem eigenen Schatten heraustreten, dann erblickst du es.” Aber er könnte recht haben.