Das spirituelle Selbst leben

Wie können wir lernen, mit den Augen des spirituellen Selbstes zu sehen? Unsere Vorfahren und Eltern haben nur den Samen in unser Herz gelegt, es liegt an uns, das spirituelle Selbst zu entwickeln und zu leben. Die nordafrikanische Schamanin Ilham Hanae Trojahn erklärt aus ihrer Tradition heraus, wie wir das bewirken können.

Wie können wir lernen, mit den Augen des spirituellen Selbstes zu sehen? Unsere Vorfahren und Eltern haben nur den Samen in unser Herz gelegt, es liegt an uns, das spirituelle Selbst zu entwickeln und zu leben. Die nordafrikanische Schamanin Ilham Hanae Trojahn erklärt aus ihrer Tradition heraus, wie wir das bewirken können.

Der Mensch ist ein Doppelwesen, halb Materie und halb Geist (Geist im Sinne von Spirit). Viele Menschen leben ihr Leben so, dass ihr Geist-Anteil geschwächt wird und verkümmert. Wir alle sind spriituell geboren und machen eine menschliche Erfahrung. Wir sind ein Abbild Gottes, genauer gesagt: wir sind »Götter die aufs Klo« gehen, mal sind wir schöpferisch in diesem Leben unterwegs, häufig aber leben wir zerstörerisch. Das reine spirituelle Selbst (der Geist) ist nicht durch Worte zu vermitteln, man kann nur dazu hingeführt werden und man muss hineinfühlen. Wir sind taub und blind, wenn wir versuchen, mit unserem physischen Selbst unsere alltäglichen Pflichten und Aufgaben im Leben anzugehen. Wir dürfen lernen, unser Leben mit reinen Blicken zu beobachten – erst dann werden wir, wer wir wirklich sind.

Wie wir das spirituelle Selbst stärken

Manchmal sind wir voller Sehnsucht und voller Erwartungen mit uns und allem unterwegs. Tief in uns sitzt aber die Angst, die Ohnmacht und die Selbstverneinung, dass alles genau so verläuft, wie wir es kennen, eine einzig lange, qualvolle Kette von Angst, Selbstzweifel, Kontrolle, Wertlosigkeit und Selbstverneinung. Das physische Selbst langweilt sich zu Tode, es will sich absolut nicht von der Aussenwelt lösen. Wir fühlen uns dann sehr unwohl. Wenn wir beispielsweise einen Sonnenaufgang oder -untergang sehen, sprechen wir aus: »Ich sehe einen Sonnenaufgang.« Wir denken, analysieren, schränken uns aber ein, das zu fühlen. Was wirklich in diesem Moment mit uns geschieht, ist, dass wir ein Kind der Erde sind und von ihr getragen werden. Und dass die Erde sich dreht, damit wir das Licht der Sonne erblicken dürfen. Wir könnten uns getragen und verbunden fühlen, mit allem eins werden. Aber durch unsere Haltung zerstören wir das klare Einssein mit einem Gedanken. Anders gesagt, wir trennen uns.
Es ist ja wissenschaftlich bewiesen, dass die Sonne nicht auf- und untergeht, trotzdem halten wir uns mit diesem Gedanken auf und trennen uns so von unserem spirituellen Selbst, das uns in diesem Augenblick mit der Sonne und der Erde verbindet. Was können wir hierbei tun? Wir können achtsam sein und über diesen Gedanken/Schatten hüpfen und über uns lachen und uns so bewusst verbinden mit unserer Mutter Erde, die uns trägt. Dieser Augenblick hilft uns, zu begreifen, dass wir dieses reine spirituelle Selbst haben, um in die geistigen Welten hineinsehen zu können. Das reine spirituelle Selbst öffnet für uns den Geist der Natur und vor allem für die geistigen Welten.

Wir haben also ein physisches Selbst, welches die materiellen Dinge kennt, und ein spirituelles Selbst, das in den Welten ausserhalb des Körpers lebt. Über das Achtsam sein kommen wir mit dem spirituellen Selbst in Berührung. Alle spirituellen Botschaften werden uns durch die Stille übermittelt. Wenn jedoch unser physischer Geist gegenwärtig ist, nehmen wir die Botschaften des spirituellen Selbst nur verschwommen war oder es erreicht uns überhaupt nicht.
Daher müssen wir dieses reine spirituelle Selbst pflegen, damit es stärker wird als unser physisches, menschliches Selbst. Bei Menschen, die auf den spirituellen Wegen ihres Lebens wandeln wollen, muss das spirituelle Selbst vorherrschen. Wir haben vielleicht gelernt, worin die Weisheit des reinen spirituellen Selbst besteht. Doch es gilt auch zu lernen, wie wir diesen Spirit verstehen und mit seiner Hilfe die Verbindung zu allem anderen aufnimmt. Durch das spirituelle Selbst werden wir die Stimmen der Natur und die unseres ewigen Schöpfer-Gottes hören – und ebenso unsere Stimme in jene Welten senden. Aber zuerst einmal müssen wir diese Welten jenseits des Körperlichen begreifen. Sonst können wir nicht wissen, wohin die Reise geht und wie wir dort hingelangen sollen. Sobald wir das Wesen des reinen spirituellen Selbstes verstanden haben, werden wir das Bindeglied zwischen Körper und Geist begreifen und nutzen lernen. Das heisst, wir wissen, wie wir uns zwischen dem »Gefängnis unseres Fleisches« und dem unermesslichen Reichtum jenseits davon hin und her bewegen. Wenn wir das erkannt haben, bleibt nur noch eines zu tun:
Wir müssen diese Welten begreifen, also verstehen, wie man sich jederzeit in sie hineinversetzt, wie man mit ihnen in Verbindung tritt und letztlich auch, wie man in ihnen wirkt.

Das Wesen der verschiedenen Welten

Aber was sind denn das für Welten und wo liegen Sie? Nehmen wir das Beispiel von vorhin mit der aufgehenden Sonne:

Wir Menschen sind mit unserem Verstand, unseren Glaubensvorstellungen und unseren Einschränkungen gefangen. Sie halten uns von unserer wahren Natur fern und trennen uns. Weil wir uns entschlossen haben, so zu leben, haben wir unser eigenes Gefängnis geschaffen. Die Wände dieses Gefängnisses sind dick. Sie bestehen aus Zweifel, Logik und mangeldem Glauben. Die fehlende Verbindung schadet und hindert uns daran, das Leben mit klarem und reinem Blick wahrzunehmen. Wir leben in einer Welt der Unwissenheit, in der das menschliche Selbst die einzige Realität, der einzige Gott ist.

Jenseits dieses Gefängnisses der Menschheit liegt die Welt des Schöpfers, der in allen Dingen wirkt, die Kraft, die allem innewohnt. Es ist eine Welt, die mit allen Wesen der Schöpfung und auch mit dem Schöpfer selbst in Verbindung steht. Ein Lebenskreis, der alle Instinkte des Menschen, seine tiefsten Erinnerungen und seine Kontrolle über Körper und Geist beherbergt. Eine Brücke, die den Menschen hilft, über das rein Körperliche hinauszuwachsen. Eine Welt, die das Universum des Menschen erweitert und ihm die Möglichkeit gibt, mit der Erde zu verschmelzen. Vor allem aber ist es eine Welt, die den Menschen zu seinem höheren Selbst hinführt und ihn in einen Zustand spirituellen Entzückens versetzt.

Es gibt eine weitere Ebene, die ich ansprechen möchte: die Welt des Geistes. Wir Menschen leben auch in dieser Welt, denn unser spirituelles Selbst hat Anteil an ihr. Hier entdecken wir den Dualismus, der uns in einer Sekunde im körperlichen Selbst und in der nächsten Sekunde im spirituellen Selbst wandeln lässt. Dies ist die Welt des Unsichtbaren, Ewigen, in der Leben und Tod, Zeit und Raum nichts bedeuten. Es ist der Ort, an dem alles möglich ist, an dem wir Menschen über unser eigenes Ich hinauswachsen und mit allen Dingen der Erde und des Geistes verschmelzen. Dieser Ort steht dem Schöpfer und den grenzenlosen Kräften der Schöpfung am nächsten. Jenseits dieses Ortes liegt das Bewusstsein: der letzte Machtkreis vor dem Schöpfer. Der Mensch ist in seinem Ich gefangen und lebt nur einen Teil dessen, worum es im Leben eigentlich geht. Er muss diese Grenzen, die »Wände« dieses Gefängnisses, seines Egos, und seine Gedanken überwinden, um zum Schöpfer zu gelangen. Alle Gedanken, »Wände«, müssen überbrückt werden. All diese Welten muss er begreifen, um schliesslich zu einer absoluten, reinen Einheit zu verschmelzen. Dann gibt es keine innere und keine äussere Dimension mehr, keine Trennung des Ich von allem anderen, sondern nur noch eine reine Einheit, in der der Mensch alle Dinge kennenlernt und den tieferen Sinn des Lebens erfährt. Er wird sich in allem bewegen und alles sich in ihm. Erst dann kann er darauf hoffen, mit Gott in Berührung zu kommen.

Hindernisse überwinden durch Meditation

Oft steht uns Menschen der fehlende Glaube und die Reinheit des Denkens im Weg. Wir meinen, Beweise zu brauchen, um glauben zu können. So erschufen wir uns einen Teufelskreis, der sich nicht durchbrechen lässt: ohne Beweise kein Glaube.

Doch: Das reine spirituelle Selbst ist die Wahrheit, die allen Religionen, Philosophien und Glaubenssystemen auf der ganzen Welt zu Grunde liegt. Erst wenn der Mensch in der Lage ist, den Zustand des reinen spirituellen Selbstes zu erreichen, kann er darauf hoffen, dem Spirituellen und damit auch dem Schöpfer nahe zu kommen. Also ist das spirituelle Selbst, das reine sprituelle Selbst, unser Ausgangspunkt.

Nur: Viele wissen nicht, wie sie diesen reinen Geist erreichen können. Der dominierende Verstand erlaubt ihnen höchstens einen ganz kurzen, verschwommenen Einblick in die Welt des Geistes. Das Bild, dass sie auf diese Weise erhalten, ist verunreinigt und bleibt wirkungslos. Deshalb haben wir Menschen uns alle möglichen komplizierten Lehren und Zeremonien ausgedacht, um unseren dominierenden logischen Verstand auszuschalten und uns dem spirituellen Selbst zu öffnen zu können. Doch für gewöhnlich tragen diese Komplikationen zu noch grösserer Verwirrung bei und behindern den Zugang zum spirituellen Bewusstsein noch mehr.

Es gibt eine Brücke, ein Medium: die stille Meditation führt nicht nur zu höchster Reinheit des spirituellen Selbstes und öffnet den Weg zu einer klaren Kommunikation, sondern versetzt uns auch in die Welten jenseits des Körperlichen. Mithilfe der Stille können wir uns von allen Dingen des physischen Selbstes und des Fleisches lösen, um in die Bereiche jenseits davon zu gelangen und dort zu leben und zu wirken. Das reine spirituelle Selbst ist die Wahrheit, der Boden, der uns allen zu Grunde liegt.