Das heilige Schweigen

Ich begebe mich mit einem etwas unsicheren Gefühl an die Aufgabe, diesen Text zu schreiben, da wir bis heute mit diesem Wissen noch nie an die Öffentlichkeit gegangen sind. Doch gleichzeitig habe ich auch Hoffnung und Freude, Dich daran teilhaben zu lassen. Ich übermittle im Folgenden nur das geistige Gut meines Vorfahren El Majdoub und dasjenige meines Grossvaters El Mejdoubi.

Ich begebe mich mit einem etwas unsicheren Gefühl an die Aufgabe, diesen Text zu schreiben, da wir bis heute mit diesem Wissen noch nie an die Öffentlichkeit gegangen sind. Doch gleichzeitig habe ich auch Hoffnung und Freude, Dich 1 daran teilhaben zu lassen. Ich übermittle im Folgenden nur das geistige Gut meines Vorfahren El Majdoub 2 und dasjenige meines Grossvaters El Mejdoubi.

Mein Grossvater hat sein ganzes Leben seiner Suche nach der reinen, grundlegenden Wahrheit geweiht. Ich bin dankbar, dass ich dieses Wissen übermitteln darf, so dass es nicht verloren geht. Doch ich bin nur eine Übermittlerin, ich zeige Dir nur den Weg dorthin.

Die Wahrheit ist der reine rote Faden, der sich durch die Religionen der Menschheit zieht, sie gehört allen und niemandem zugleich. Grossvater El Mejdoubis wahre Leidenschaft galt nicht der materiellen, sondern der geistigen Welt. Er pflegte schon eine intensive Verbindung mit der Welt der Natur und des Geistes, als er um zwölf Jahre alt war. Und bereits im Alter von 15 Jahren galt er als Weiser und Schamane, und es kamen viele Menschen zu ihm, um sich mit Kräuterarzneien heilen zu lassen. Schon die blosse Erwähnung seines Namens liess in den Dörfern und Nachbarstädten Ehrfurcht aufkommen, obwohl Grossvater persönlich nichts dazu tat.

Die alten Traditionen bewahren und weiterführen

Mit knapp zwanzig Jahren verliess El Mejdoubi seine Heimat. In einer Reihe von Visionen und Träumen erhielt er schon als Kind die Weisung, so viel wie möglich zu lernen, die alten Traditionen zu bewahren. Seine Kenntnis über die spirituelle Weisheit versetzte selbst diejenigen Ältesten in Erstaunen, die sich am fortschrittlichsten wähnten. Viele von ihnen glaubten, dass mein Grossvater eine ganz besondere Gabe von der höheren Macht erhalten habe und gewöhnlichen Menschen weit überlegen sei. Nur er selbst war auch hier anderer Ansicht, denn er tat nichts, was andere Menschen nicht auch konnten. Er blieb immer bescheiden, spirituelle Überheblichkeit lag ihm fern. Vor allem seine Vision führte ihn zur spirituellen Weisheit. Er sollte sich bemühen, über alle Glaubensvorstellungen, die es gab, so viel wie möglich zu lernen, den roten Faden darin zu entdecken und dieses Wissen dann zu vereinfachen. Er sollte nach der reinen Wahrheit suchen, die all dem zugrunde lag.

Als seine Nachfolgerin haben mich die »Spirits« unserer Vorfahren auserwählt und ich habe ebenso die Aufgabe, Visionen und Träume zu verfolgen und zu übermitteln sowie dieses Wissen zu wahren und die Tradition weiterzuführen. So kann ich Dir lediglich das Werkzeug in die Hand geben, das Du benötigst, um etwas zu lernen, alles andere liegt in Deiner Hand. Deshalb solltest Du schlichtweg darauf vertrauen, dass diese Dinge einfach für jeden Menschen erreichbar sind. Sie sind Dein Geburtsrecht, ein Geschenk Deines Schöpfers.

Das erste Werkzeug ist die Wahrheit unseres spirituellen Geistes und Körpers. Grossvater lehrte, dass der Mensch ein Dualismus sei, halb Fleisch, halb Geist. Er behauptete, dass alles, was wir in der Welt des Fleisches tun, bisher auch in der Welt des Geistes taten und umgekehrt. Und wies darauf hin, dass unser physischer Verstand zwar unser grösster Feind ist, zugleich aber auch unser grösster Verbündeter. Nur der übermässig ausgebildete, physische Geist (der Verstand, das Ego) versperrt uns den Blick auf den spirituellen Geist. Grossvater wollte den Verstand nicht zerstören, er wollte den spirituellen Geist lediglich zu gleichem Rang verhelfen. Unser physischer Geist hilft uns, ein Teil eines Mediums zu werden, das uns zur Macht des Geistes hinführt. Mein Grossvater lehrte, dass die Meditation des Heiligen Schweigens der Grundstein ist.

Mit Meditation zu spirituellem Bewusstsein

Durch Meditation kann der Mensch zu spirituellem Bewusstsein gelangen. Doch in der heutigen Zeit ist die Meditation zu einem Endzustand geworden. Das, was Grossvater lieber als Heiliges Schweigen bezeichnete, ist eigentlich nur eine Brücke, ein Medium, das Bewusstsein von Natur und Geist. Und es ist ebenso eine Methode, Körper und Verstand hintenan zu setzen und einen Kommunikationskanal zu eröffnen. Heute muss die Meditation etwas Dynamisches sein, dass man jederzeit praktizieren kann, unabhängig davon, was man gerade tut. Sie muss sich auch reihenlos praktizieren lassen, so dass ein Mensch, der spirituell auf der Suche ist, sich jederzeit in jede beliebige Welt hineinversetzen kann. Die Sicht nach Innen ist die Stimme der Natur, des Geistes, ja sogar des Grossen Geistes.

Das erste Grundelement der Meditation ist Entspannung: Wir müssen uns in einem entspannten Zustand auf unsere Meditationsreise begeben. Wenn unser Körper übermässigen Belastungen ausgesetzt ist oder wenn wir uns zu krampfhaft bemühen, können wir nicht meditieren. Wenn der Körper nicht entspannt ist, stellt er eine grosse Ablenkung für uns dar, die erst einmal überwunden werden muss.

Das zweite Element der Meditation ist ein Mindestmass an Wohlbefinden. Hier gilt das gleiche wie für die Entspannung: Wir müssen uns körperlich wohl fühlen, denn jedes Unbehagen lenkt uns von unserer Meditation ab. Viele Menschen glauben, dass man sich lediglich hinlegen oder bequem hinsetzen muss, um gut meditieren zu können. Ich bin da anderer Ansicht:

Für mich sind Entspannung und Bequemlichkeit etwas Subjektives, sie hängen von unseren Vorstellungen ab. Ich bin entspannt und fühle mich wohl, wenn ich beispielsweise rede, spazieren gehen, spiele oder etwas anderes tue.

Diese ersten beiden Elemente der Meditation – Entspannung und Wohlbefinden – sind mein Hauptargument dafür, dass wir lernen müssen, unseren Körper und unseren Geist unter Kontrolle zu haben. Unser Geist ist ein sehr mächtiges Werkzeug, zusammen

mit Entscheidungskraft und Glauben kann er jede Realität erschaffen. Der Mensch ist das, was er denkt. Wir alle haben schon Redewendungen gehört wie: »Es kommt nicht darauf an, in welcher Situation man ist, sondern was man daraus macht.« Oder: »Was dem einen seine Hölle, ist dem anderen sein Himmelreich«. Ich beobachte jeden Tag in allen möglichen Situationen, wie diese Kraft auf die Menschen wirkt.  

Ein Beispiel: Unter härtesten Bedingungen bei sengender Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit, mit Fliegen und in miserablen Unterkünften bleiben viele Schüler ganz in ihrer Lektion vertieft, während einer sich beklagt, todunglücklich ist und während des Unterrichts nur Fliegen totschlägt. Die Umstände sind dieselben, und doch trifft jeder eine ganz andere Entscheidung. Daran sieht man, dass wir äusseren Bedingungen, die andere Menschen als erbärmlich, unangenehm oder zumindest belastend empfinden, mithilfe der Achtsamkeit unseres Körpers und unseres Verstandes eine neue Richtung geben können.

Wenn wir nun entschlossen sind, fest daran glauben und die Kräfte unseres Geistes einsetzen, können wir in den meisten Fällen, wenn nicht gar in allen Situationen meditieren. Die Entscheidung liegt bei uns! Indem wir lernen, unseren Körper und unseren Geist mit sorgsamer Achtsamkeit zu begegnen, lernen wir auch, uns über Umstände zu erheben, in denen die meisten Menschen nicht in der Lage wären, zu meditieren. Entspanntheit und Wohlbefinden sind etwas Relatives, Subjektives, sie hängen von unseren individuellen Vorstellungen und von unserer eigenen Entscheidung ab.

Wie mit Ablenkungen umgehen

Die dritte Grundvoraussetzung für die Meditation ist eine passive Haltung.

Wir nehmen diese passive Haltung immer dann ein, wenn wir versuchen, unsere Ablenkungen zu überwinden. Wie ich bereits erklärte, allein dadurch, dass wir uns um etwas bemühen, sind wir zum Scheitern verurteilt. Etwa: Wir beginnen zu meditieren und es überkommt uns dabei zufällig ein Gedanke, der uns von der Meditation ablenkt. Wenn wir diesem zufälligen Gedanken nun Macht verleihen und ihn aus unserem Geist zu verbannen versuchen, dann wird der Gedanke tatsächlich stärker, und es wird schwierig, ihn uns aus dem Kopf zu schlagen. Doch wenn wir den Gedanken erkennen und ihn in jeder Hinsicht aus unserem Geist entfernen – indem wir eine Zuordnung zu unseren Eltern machen und uns fragen, wer von den beiden so gedacht hat –, verliert er seine Macht und verschwindet. Das gelingt uns nur, wenn wir unsere Aufmerksamkeit dahin lenken, zu schauen, welches Muster uns genau daran hindert, den »Himmel« hier auf die Erde zu bringen und zu übersetzen. Muster sind etwa: »Das kann ja gar nicht sein«, »Ich spinne mir was zusammen«, »Was sollen die Leute denken?«, »Ich werde verrückt«, »Das bilde ich mir nur ein« oder »Das kann ich mit niemanden teilen«.

Nehmen wir ein Beispiel: Ein Mann betet zu Gott: »Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name« Gott antwortet ihm: »Wie schön mein Sohn, dass Du meinen Namen heiligst« (Ablenkung). Der Mann: »Störe mich nicht beim Beten...«
Wenn wir genau hinschauen, dann haben wir den wahren Ursprung mit all unseren Sinnen erforscht. Genau da beginnen wir an uns selbst zu arbeiten und zu heilen und im Hier und Jetzt in Achtsamkeit mit uns zu sein. Meistens lässt sich eine Ablenkung, sei es nun eine mentale, eine physische oder eine, die aus unserer Umgebung erwächst, mit Hilfe dieser passiven Haltung überwinden. Man lässt die Ablenkung einfach an sich vorbeiziehen. Manchmal muss man eine Ablenkung aber auch akzeptieren, in dem man sie ergründet, sich ihr stellt und seine eigenen Schwächen erkennt und heilt. In anderen Fällen muss man der Ablenkung mit Härte entgegentreten. Und manchmal muss man alle drei Methoden gleichzeitig anwenden, um die Ablenkung aus seinem Geist zu verbannen. Grossvater warnte vor der Gefahr, den Kampf gegen eine Ablenkung selbst zur Ablenkung werden zu lassen. Ich legte oft meine Aufmerksamkeit auf den Wind als Hilfsmittel für meine Konzentration, oder auf Geräusche aus der Umgebung, um mich in eine innere Konzentration zu versetzen.
Heute brauche ich keine Hilfsmittel mehr, ausser meinen eigenen Geist, um mich in einen Zustand eines reinen, Heiligen Schweigens zu versetzen.