Agonie und Ekstase

(Ein Bericht aus der englischen Zeitschrift Wave von Emma Amyatt-Leir)

Der Hoffman Quadrinity Prozess: “Wandlung geschieht.”

Ich halte mich gerne für ein liebevolle, freundliche und einfühlsame Miezekatze, doch zumeist gleiche ich eher einem Stachelschwein, wenn ich mich mit einer stacheligen und abwehrenden Schale so gut wie möglich schütze. Am Tag als ich in Florence House in Seaford ankam, um den Hoffman Quadrinity Prozess zu machen, waren die Stacheln aufgerichtet. Erschöpft und fertig mit der Welt war ich bis zwei Uhr morgens auf gewesen, da ich neun Tage lang von meinem Zuhause, meinem Büro, meiner Tochter, meinem Telefon und meinen Emails weg sein würde. Und das alles nur wegen eines dummen Versprechens, über den Quadrinity Prozess in der Zeitschrift Wave zu schreiben.

Was ich aus den Vorbereitungsarbeiten wusste: Bob Hoffman fing vor mehr als dreissig Jahren an, solche Seminare abzuhalten – als Möglichkeit, unseren tiefgründigen Schmerz zu verwandeln. Seiner Meinung nach entsteht dieser Schmerz aus dem, was er Negative Liebe nannte. Als Neugeborene brauchen wir eine kontinuierliche Form von bedingungsloser Liebe, die uns unsere Eltern nicht geben können, weil sie auch nur Menschen sind. Also fühlen wir uns innerlich verlassen und beginnen, unsere Eltern emotional zu kopieren, um sie wieder für uns einzunehmen. Als Erwachsene können wir dann nicht wirklich Liebe geben und nehmen, sondern schalten auf Autopilot und finden uns darin wieder, die negativen Muster unserer Eltern entweder eins zu eins zu leben oder in der Rebellion das Gegenteil zu versuchen. In keinem von beiden können wir ganz uns selbst sein.

Ich glaubte, ich hätte alles gesehen

Das war alles sehr interessant. Doch ich war immer noch nicht wirklich für die Arbeit motiviert – trotz der beeindruckenden Kurskosten (die manche Leute damit begründeten, dass sie dem Aufwand für ein Jahr Therapie entsprechen, aber persönliche Veränderung im Gegenwert von drei Jahren Arbeit bringen würden). Ich hatte so viele Seminare besucht, dass ich glaubte, ich hätte schon alles gesehen: Überlebenstraining, Landmark Education, Geldsemianre, Sexseminare, Fasten, Mantrasingen, Schweigen, Schamanische Seelenreisen, Seelenchirurgie ohne Zunähen – da gibt es keine Ecke in mir, die nicht zerlegt, analysiert, beweint und ein bisschen verbessert zurück in den Alltag geschickt worden wäre. All diese Erfahrungen waren von grossem bis sehr grossem Wert. Doch nach fünfzehn Jahren Selbsterfahrung hatte ich nicht nur eine neue Bluse, sondern ein komplett neues Kostüm bekommen.

Ich kam spät an, konnte das Haus nicht finden und landete in jemandes Küche, nur um festzustellen, dass ich genau am richtigen Ort war. In meinem warmen, sauberen und hübschen Zimmer traf ich eine weinende Zimmergenossin an, weshalb ich mich beeilte, mich den anderen zwanzig aufgewühlten Seelen anzuschliessen, die auf bequem anmutenden Sofas Vereinbarungen unterzeichneten, die Arbeit nur für private Zwecke zu nutzen. Ich nahm die Gruppe in Augenschein. Eine piekfeine Dame in Designerklamotten, ein langhaariger, höchst attraktiver Archäologe von der Sorte “scher dich zum Teufel”, einige Mütter, ein paar Geschäftsleute. Schnell hatte ich herausgefunden, wer Freunde von mir werden könnten und wen ich meiden würde.

Wir versammelten uns in einem grossen, hellen Raum und bekamen Arbeitsunterlagen. Vier Begleiter, auch Lehrer und Lehrerinnen genannt, waren anwesend: ein gross gewachsener, weiser und einfühlsamer Amerikaner, ein jungenhafter Engländer, eine hauptberufliche Therapeutin aus Australien und ein älterer Herr, der uns ziemlich schamlos wissen liess, er sei ein Alkoholiker auf dem Weg der Gesundung. Ich entschloss mich, ihn zu ignorieren. Ich bekam die Australierin als persönliche Begleiterin zugeteilt. Sie schickte mich auspacken und nahm sich später Zeit für ein Einzelgespräch. Ich wartete 25 Minuten in der Kälte, um sicherzustellen, dass ich zu diesem Einzeltermin nicht zu spät kommen würde. Ich dachte, man würde mich für das, was ich tat und sagte, ohne weiteres als etwas Besonderes erkennen. Die Begleiterin stellte mir Fragen zu den vielen Seiten umfassenden Vorarbeiten, die ich bezüglich meiner Eltern gemacht hatte, über meine Erfahrung mit meinem Zwillingsdasein als Kind und wie meine Kindheit ansonsten gewesen war. Sie machte Notizen wie “unverstanden” oder “bedürftig” und fragte, ob dies zutreffende Bezeichnungen seien. “Unverstanden” klang irgendwie toll und so ein bisschen nach James Dean. “Bedürftig”, so teilte ich mit, fände ich ekelhaft, ich könnte es bei mir und anderen nicht ausstehen. Also schrieb sie “bedürftig” in grossen Buchstaben auf eine Karteikarte und sagte mir, dieses Muster stünde mir im Weg, wenn ich wirklich ich selbst sein wollte. Wenigstens hatte sie nicht “eingeigelt” hingeschrieben. Die Morgendämmerung am Samstag war die erste, die ich seit langer Zeit gesehen hatte. 7.30 Frühstück, erste Aufgaben zum Tag, die um 7.45 gegeben werden. Und Sitzungen – ein Stundenplan bis um 11.00 abends. Was würden sie uns nur in all der Zeit zu tun geben?

Raus ist mittendurch

Die beiden folgenden Tage waren damit ausgefüllt, in die Aspekte unseres inneren Kindes einzutauchen, die nicht therapiert, unvernünftig und wütend sind, und damit, Klage zu führen über unsere Eltern. Das war hart, da ich ein sehr rationaler Mensch bin und dachte, ich hätte meinen Eltern alles vergeben – nun ja, haha. Die eingesetzten Techniken waren brilliant und entdeckten alle möglichen Arten von verborgener Wut und unterdrücktem Schmerz aus meiner Kindheit, alles Dinge, die mich buchstäblich immer noch lahm legten. Es gab zwei kathartische Tage, in denen ich eine Menge tief vergrabener Gefühle loslassen konnte. Es kamen alle Arten von geführten Bilderreisen zum Einsatz, bestimmte Formen auch intuitiven Schreibens, Zeremonien und Körperarbeit, die uns an einen Ort physischer und emotionaler Erschöpfung brachten.

Um die Wahrheit zu sagen: Es war keine schöne Erfahrung. Alle Hilfsmittel, mit denen ich sonst dem Schmerz auszuweichen pflegte, waren nicht verfügbar. Wir durften keinen Alkohol trinken, keine Drogen nehmen, keinen Sex haben oder die subtileren Tricks einsetzen wie zu beschäftigt zu sein, um irgendetwas zu fühlen, uns überarbeiten, anderen helfen, sich zwanghaft verschönern oder joggen gehen. Am Morgen des fünften Tages hätte ich alles getan, um die quälenden, deprimierenden und bleischweren Gefühle im Körper und in der Seele zum Verschwinden zu bringen. Bei der morgendlichen Einzelbegegnung mit meiner Begleiterin sagte ich: “Ich kann nicht weiter machen, es ist zuviel, ich halte es nicht aus.” Meine Begleiterin antwortete: “Der einzige Weg da raus ist der mittendurch. Du bist am genau richtigen Ort.” und führte mich in den nächsten Prozess im Prozess. Bis zum Ende des darauffolgenden Abends war ich aus der tiefsten Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit bis an den Punkt gelangt, an dem ich zusammen mit der ganzen Gruppe – nun alles meine liebsten Freundinnen und Freunde – im Kreis stand und Lou Reeds “Perfect Day” mitsang. Der Prozess hatte sich um einhundertachtzig Grad gedreht und nach all dem Elend wurden wir durch eine erhebende Erfahrung nach der anderen geführt. Ich konnte mich wirklich an mir selber freuen und fühlte mich frei von dem Zwang, stets erwachsen, sensibel und überlegen zu sein. Tag 6 war der glücklichste Tag in meinem Leben, mal abgesehen von dem Augenblick, in dem ich meine Tochter zum ersten Mal als Baby auf den Armen hatte und ihr in die Augen sah.

Der Schlüssel zu meinen Gewichtsproblemen

Nachdem wir uns ausführlich mit den Eltern befasst hatten, war es nun an der Zeit, den Blick nach innen auf uns selbst zu richten. Dabei ging es um die vier Aspekte von uns, um unsere Quadrinität. Sie besteht aus unserem Körper, unserem emotionalen Selbst, unserem intellektuellen Selbst und unserem spirituellen Teil. Der Part des Körpers ist der einfachste: Wir wissen, dass er im Prinzip da ist, aber oft ignoriert und missbraucht wird. Als ich diesen Aspekt meiner Quadrinität näher untersuchte, konnte ich ihm wirklich zuhören und dabei erfahren, dass er keineswegs mit all dem zur Verfügung stehenden wunderbaren Essen vollgestopft werden wollte – der Schrei danach stammte aus meinem bedürftigen emotionalen Teil. Hier fand ich schliesslich den Schlüssel zu meinen Gewichtsproblemen. Mein Intellekt und mein emotionales Kind haben sich lange in meinem Kopf bekämpft. Sie zanken sich folgendermassen:

Emotionales Kind: “Ich langweile mich. Lass uns ausgehen und Spass haben.”
Intellekt: “Nein, es gibt Arbeit, die erledigt werden muss.”
EK: “Nun, ich bin hungrig, in der Küche hat es Doughnuts.”
I: “Du wirst dick werden, oder sollte ich sagen - noch dicker!”
EK: “Aber wir haben die ganze Woche nur gearbeitet. Wir sollten uns etwas Gutes tun.”
I: “Also gut, einen Doughnut.” Zwei Stunden später…
I: “Schau dich an, du fette Sau, du hast soviel gegessen, wie soll dich irgendjemand lieben, wenn du dich jeden Tag vollstopfst!”

Sie waren heimtückisch, die beiden. Jetzt nach 35 Jahren ständigen kämpfens sind sie es nicht mehr, sondern sind endlich die besten Freunde. Das bedeutet praktisch, dass die Arbeit in der vergangenen Woche trotz doppeltem Arbeitsanfall erheblich weniger stressig war als bis vor dem Prozess. Ich habe mehr Freude mit meiner Tochter; es ist leichter, sich um sie zu kümmern. Ich bin gesünder, und – hallelujah – ich nehme ab.

Ich bin liebevoller

Obschon ich also alles “schon wusste und gesehen hatte”, hat der Hoffman Prozess für mich wirklich funktioniert. Ich glaube, der Erfolg lag darin begründet, dass er die grundlegenden Fragen des Lebens in allen Aspekten angeht. Die Arbeit dauert länger als andere Seminare, und man ist am Arbeitsort untergebracht; man hat nicht einmal die Zeit, zu kochen oder abzuwaschen. Alles, was es zu tun gibt, ist, sich mit sich selbst zu konfrontieren. Bei einem Verhältnis von einem Begleiter pro sechs Teilenehmern gab es auch keine Chance, bei sich wegzuschauen. Ich fühle mich voller Energie, meine Haut ist besser geworden, sie war stets gerötet, wie rot vor Wut, auch im Gesicht, das wie eine Maske war. Jeder sagt mir, wie anders ich aussehe. Mein Mann hat sich ebenso für den nächsten Termin vom Quadrinityprozess angemeldet wie viele andere Partner der Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus meiner Gruppe. Unsere Partner konnten feststellen, dass wir nicht mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen zurückkamen oder ein seltsames neues Vokabular benutzten oder missionarisch geworden waren (na ja, vielleicht ein bisschen). Ich bin einfach liebevoller, offener und mitfühlender mit mir selbst und anderen geworden. Ich pflegte ein lachendes Gesicht zur Schau zu tragen und auszusehen wie Strahlemann persönlich, aber ich glaube ich weinte innerlich, ohne es zu bemerken. Jetzt habe ich gelernt, wie ich die Liebe finden kann, nach der ich so verzweifelt gesucht habe: in mir selbst. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, eine Miezekatze zu sein, aber andere Menschen scheinen sie zu mögen, und im übertragenen Sinne werde ich gestreichelt, wo immer ich hingehe.